Der Abschied von der Tradition
Im Rahmen der aktuellen Arbeit an einem Sammelband über das russische Kino habe ich mir neulich "4" von Ilya Khrjanovsky angeschaut. Trotz der internationalen Festivalerfolge und dem Drehbuch, das von einem meiner Lieblingsautoren Vladimir Sorokin stammt, hat der Film eher enttäuscht. Rein ästhetisch fühlt man sich an vielen Stellen an experimentelle (oder besser gesagt experimentierende) Studienarbeiten erinnert, wozu die etwas facettenlose Kameraführung wesentlich beiträgt. Allein die ausgedehnte Sequenz, wo die Heldin durch eine düstere Landschaft läuft und dazu ausgerechnet eine knallig-orangefarbene Jacke trägt, lässt vermuten, dass dem Kameramann kein anderer Kunstgriff eingefallen ist, um sie auf Dauer vom Hintergrund hervorgehoben zu halten. Im allgemeinen erreicht der Film bei weitem nicht die Wirkung, die von Sorokinschen Prosa (normalerweise) ausgeht. Die Szenen mit den lüsternen Greisinnen sind allerdings interessant als groteske Anspielung auf das frühere sowjetische "Dorfkino" (vor allem "Der Abschied" von Larissa Schepitko), wo der älteren Generation der DorfbewohnerInnen eine erhabene Rolle zukommt. Bei Khrjanovsky symbolisieren die Omas nichts anderes mehr als Verfall und Degradation. Der konsolidierende Bezug auf die Tradition (der im heutigen Russland so intensiv angestrebt wird) erscheint unmöglich.


2 Comments:
Dass sehe ich ähnlich (bzgl. deiner Kritik am Film). Sororkin spielt auf viele Episoden und Details aus seinen letzten beiden Romane im Film an, aber ich kann da keinen wirklich interessanten Ansatz der Verknüpfung entdekcen udn so bleibt das ein einziges inkohärentes Durcheinander. Die einfachste oder plakativste Deutung, die der Film selbst anbietet - alles darauf zu reduzieren , dass wir aus Fleisch und Blut bestehen und uns heutzutage wie (Gammel-)Fleisch mißhandlen bzw. behandeln, find ich wirklich dämlich....na ja, zum Glück gibt es ja auch immer wieder tolle interessante russische Filme. Viele Grüße :))) Die rote Zora (na wer kann das schon sein?)
Es ist interessant, dass du die Aussage des Films nicht auf die russischen Verhältnisse beschränkst. In Russland wird der Film nämlich meist als Bestandsaufnahme der aktuellen Befindlichkeit im Land aufgefasst. :)
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