Sex & Crime in der Akademie der Künste
Das für Berlin typische Ausgehproblem (was soll ich denn am Abend unternehmen, wo es doch so viel Interessantes gibt?) wurde gestern zugunsten der Podiumdiskussion "Die unheimliche Film-Karriere des Triebtäters" in der Kunstakademie entschieden. Und das habe ich auch absolut nicht bereuen müssen! Nicht nur dass ich endlich das hübsche Hansaviertel gesehen habe (sogar etwas mehr davon als geplant, da ich mich auf dem Rückweg ein wenig verlaufen habe), auch die Veranstaltung an sich war ja wirklich sehr interessant und anregend. Zwei Stunden waren fast unmerklich vorbei, was für eine anspruchsvolle Diskussionsrunde keinesfalls selbstverständlich ist.
Die wichtigsten (Gegensatz)Positionen wurden vom Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger und dem Sexualmediziner Klaus Michael Beier vertreten. Zunächst hat Beier von seiner therapeutischen Praxis berichtet und den Sexualstraftäter näher definiert. Aus seiner Sicht entwickelt jeder Mensch in der Pubertät bestimmte sexuelle Präferenzen, die sein ganzes Leben lang bestehen und die er selbst weder verändern noch steuern kann. Problematisch wird es bei Präferenzen, die darauf abzielen, den anderen Schaden zuzufügen. Und wenn man solchen Menschen nicht (therapeutisch) unter die Arme greift, können Sie durchaus zu so genannten Triebtätern werden. Mich hat an dieser These gestört, dass hier offenbar davon ausgegangen ist, dass manche Menschen allein aufgrund ihrer sexuellen Veranlagung (beispielsweise sadistische Neigung) offenbar dazu prädestiniert sind, sexuelle Delikte zu begehen. Die Möglichkeit, diese Präferenzen auch im spielerischen oder simulierten Kontext auszuleben, wird nicht in Erwägung gezogen. Beier hat betont, dass ein sadistisch oder pädophil veranlagter Mensch, wolle er zu einer sexuellen Befriedigung gelangen, dem anderen einen realen schaden zufügen muss.
Kein Wunder also, dass Beier die Wirkung der gewaltdarstellenden Filme ausschließlich als negativ bewertete. Auf die Fragen, ob sie vielleicht manchen Menschen dabei helfen, sich mit eigenen sexuellen Fantasien auseinander zu setzen und somit die realen Übergriffe oder gefährliche Frustrationen sogar vorbeugen, wollte er nicht ernsthaft eingehen. Für ihn senke die visuelle Darstellung der Gewalt die Hemmschwelle und verleite somit zur Nachahmung, sei also tendenziell gefährlich. Als Beispiel für die moderne mediale Gefahr hat er den Fall einer besorgten Mutter angeführt, die entdeckt hatte, dass ihr zwölfjähriger Sohn im Internet ein Fisting-Bild heruntergeladen hat, und nicht wusste, wie sie damit umgehen soll. Stigleggers Einwand darauf, dass es kein neues Phänomen ist und die Kinder schon vor hunderten Jahren vermutlich mit noch härteren Sachen (nicht nur auf Bildern, sondern auch in der Realität) konfrontiert wurden, wollte Beier nicht gelten lassen. Für ihn ist die heutige Generation die erste, die den traumatisierenden Zugang zu solchen Darstellungen bekommen hat - mit nicht absehebaren Folgen. Dass unsere Großeltern im Krieg wahrscheinlich noch verstörendere Szenen live erleben mussten, hat er irgendwie nicht mitbedacht.
Im Gegensatz dazu hat sich Stiglegger hauptsächlich auf die künstlerische Dimension der Filmproduktionen konzentriert, die Gewalt und Sexualübergriffe thematisieren. Es wurden unter anderem Ergebnisse einer amerikanischen Umrage zitiert, die besagen, dass solche Folterfilme, wie "Saw" oder "Hostel", hauptsächlich von Frauen rezipiert werden. Leider ist es während der Diskussion noch nicht deutlich genug geworden, welche Schlüsse man aus diesem Ergebnis ziehen darf. Gehen die Frauen vielleicht einfach öfter ins Kino? :)
Erfreulich war schließlich die Frage aus dem Publikum, die explizit an Stiglegger ging und von ihm die Definition der Kunst - speziell der Filmkunst - anforderte. "Er ist ja Wissenschaftler, er muss das wissen!" - begründete die Frau ihr Anliegen. Doch ihre Hoffnung, man könnte zumindest einen Teil der gewaltdarstellenden Filme als "Nicht-Kunst" von vornherein aus der ernsthaften Diskussion ausschließen, wurde enttäuscht. Gerade als Wissenschaftler konnte ihr Stiglegger natürlich keine andere Antwort geben, als dass für den Analytiker alle ästhetische Bemühungen zunächst gleichberechtigt sind.
Die wichtigsten (Gegensatz)Positionen wurden vom Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger und dem Sexualmediziner Klaus Michael Beier vertreten. Zunächst hat Beier von seiner therapeutischen Praxis berichtet und den Sexualstraftäter näher definiert. Aus seiner Sicht entwickelt jeder Mensch in der Pubertät bestimmte sexuelle Präferenzen, die sein ganzes Leben lang bestehen und die er selbst weder verändern noch steuern kann. Problematisch wird es bei Präferenzen, die darauf abzielen, den anderen Schaden zuzufügen. Und wenn man solchen Menschen nicht (therapeutisch) unter die Arme greift, können Sie durchaus zu so genannten Triebtätern werden. Mich hat an dieser These gestört, dass hier offenbar davon ausgegangen ist, dass manche Menschen allein aufgrund ihrer sexuellen Veranlagung (beispielsweise sadistische Neigung) offenbar dazu prädestiniert sind, sexuelle Delikte zu begehen. Die Möglichkeit, diese Präferenzen auch im spielerischen oder simulierten Kontext auszuleben, wird nicht in Erwägung gezogen. Beier hat betont, dass ein sadistisch oder pädophil veranlagter Mensch, wolle er zu einer sexuellen Befriedigung gelangen, dem anderen einen realen schaden zufügen muss.
Kein Wunder also, dass Beier die Wirkung der gewaltdarstellenden Filme ausschließlich als negativ bewertete. Auf die Fragen, ob sie vielleicht manchen Menschen dabei helfen, sich mit eigenen sexuellen Fantasien auseinander zu setzen und somit die realen Übergriffe oder gefährliche Frustrationen sogar vorbeugen, wollte er nicht ernsthaft eingehen. Für ihn senke die visuelle Darstellung der Gewalt die Hemmschwelle und verleite somit zur Nachahmung, sei also tendenziell gefährlich. Als Beispiel für die moderne mediale Gefahr hat er den Fall einer besorgten Mutter angeführt, die entdeckt hatte, dass ihr zwölfjähriger Sohn im Internet ein Fisting-Bild heruntergeladen hat, und nicht wusste, wie sie damit umgehen soll. Stigleggers Einwand darauf, dass es kein neues Phänomen ist und die Kinder schon vor hunderten Jahren vermutlich mit noch härteren Sachen (nicht nur auf Bildern, sondern auch in der Realität) konfrontiert wurden, wollte Beier nicht gelten lassen. Für ihn ist die heutige Generation die erste, die den traumatisierenden Zugang zu solchen Darstellungen bekommen hat - mit nicht absehebaren Folgen. Dass unsere Großeltern im Krieg wahrscheinlich noch verstörendere Szenen live erleben mussten, hat er irgendwie nicht mitbedacht.
Im Gegensatz dazu hat sich Stiglegger hauptsächlich auf die künstlerische Dimension der Filmproduktionen konzentriert, die Gewalt und Sexualübergriffe thematisieren. Es wurden unter anderem Ergebnisse einer amerikanischen Umrage zitiert, die besagen, dass solche Folterfilme, wie "Saw" oder "Hostel", hauptsächlich von Frauen rezipiert werden. Leider ist es während der Diskussion noch nicht deutlich genug geworden, welche Schlüsse man aus diesem Ergebnis ziehen darf. Gehen die Frauen vielleicht einfach öfter ins Kino? :)
Erfreulich war schließlich die Frage aus dem Publikum, die explizit an Stiglegger ging und von ihm die Definition der Kunst - speziell der Filmkunst - anforderte. "Er ist ja Wissenschaftler, er muss das wissen!" - begründete die Frau ihr Anliegen. Doch ihre Hoffnung, man könnte zumindest einen Teil der gewaltdarstellenden Filme als "Nicht-Kunst" von vornherein aus der ernsthaften Diskussion ausschließen, wurde enttäuscht. Gerade als Wissenschaftler konnte ihr Stiglegger natürlich keine andere Antwort geben, als dass für den Analytiker alle ästhetische Bemühungen zunächst gleichberechtigt sind.


4 Comments:
dem herrn beier würde ich das buch "die wilde geschichte vom wassertrinker" von john irving ans herz legen - der protagonist hat nämlich in seiner jugend in den ungefähr 50er jahren eine einflussreiche begegnung mit einem bild, auf dem eine frau und ein esel (glaube ich) einen sexuellen akt vollziehen. ich glaube nicht, dass das etwas ist, das sich john irving ausdenken musste... :)
Es ist schon richtig, dass solche Bilder heutzutage leichter zu beschaffen sind. Aber auch die Medienkompetenz hat einige Fortschritte gemacht. So kann man das notfalls wohl etwas besser verkraften. :)
Ehrlich gesagt, wundere ich mich doch sehr über den Sexualtherapeuten...Grundsätzlich gehört es zur psychologischen wie auch zur psychiatrischen Ausbildung dazu, von moralischen (schließlich kultur- und zeitabhängig) Werturteilen Abstand zu nehmen und ich glaube auch nicht, dass der Mensch sich seit der Pubertät nicht mehr hinsichtlich seiner sexuellen Präferenzen wandelt...das ist ja wirklich schwarz-weiß-Denken was der Typ da betreibt...Sodomie und anderes gibt ews schon seit der Antike und die Beschaffung von externen Bildern durch die Kunst/Malerei hat es schon immer gegeben und jeder von uns weiß doch, wie einfach es ist sich in seiner Fantasie spzielle sexuelle Vorlieben vorzustellen und auch, dass das Auslieben dieser Fantasien oftmals gar nicht erwünscht oder nötig ist. AUßerdem ist es doch völlig OK im Bereich S/M, wenn sich die Leute treffen und ihre Vorlieben miteinander ausleben. Es kann doch wohl nur darum gehen, die zu therapieren, die entgegen der Wünsche anderer handeln und unter ihren eigenen Begierden leiden, bzw. dadurch der Gesellschaft und sich selbst (aufgrund der Folgen ihrer Handlungen) schaden...Die Diskussion hätte ich gerne mitbekommen.
Rote Zora
Ja, er hat auch - zum Glück :) - nicht darauf bestanden, diejenigen zu therapieren, die den anderen nichts antun (wollen). Andererseits hat er quasi angedeutet, dass es empfehlenswert ist, mit der Therapie so früh wie möglich anzufangen, also schon auf die entsprechenden Fantasien zu achten. Es hörte sich aber bei ihm so an, als ob jede sexuelle Fantasie darauf drängt, in der Realität erfüllt zu werden. Und das ist, meiner Meinung nach, eine ziemlich konservative Position und darf auch kaum dem heutigen Wissensstand entsprechen...
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